Muschelaquakultur

Methoden zur Zucht von Muscheln

Die verschiedenen Muschelarten haben einen großen Anteil an der weltweiten Erzeugung in Aquakultur. Hier: Austern in Tischkultur. Foto: Pixabay

Auf einen Blick: Aquakultur von Muscheln

Muscheln (Bivalvia) sind die in der Aquakultur wichtigste Klasse innerhalb der Weichtiere (Mollusken). Zu den Muscheln in Aquakultur gehören beispielsweise Miesmuscheln, Austern und auch Jakobsmuscheln. Muscheln verbringen die frühen Lebensstadien planktonisch, also frei treibend im Freiwasser, bevor sie sich an geeignete Strukturen mehr oder weniger dauerhaft anheften. Jakobsmuscheln oder Elefantenrüsselmuscheln jedoch können auch im Sediment eingegraben leben und teilweise schwimmen, um Ihren Aufenthaltsort zu wechseln. Die meisten Weichtiere in der Aquakultur ernähren sich, indem sie ihr Umgebungswasser filtrieren. Entsprechend unterscheidet sich die Haltung von Muscheln grundlegend von der Fisch- oder Krebstierhaltung, da hier sehr unterschiedliche Produktionssysteme mit überwiegend extensiver Haltung, also ohne Zufütterung durch den Menschen, zum Einsatz kommen. Die Erzeugung von Muscheln kann in zwei wesentliche Phasen unterteilt werden: Die Gewinnung von Saatmuscheln und die Wachstumsphase der juvenilen Muscheln bis zur Ernte. 

Dieser Artikel enthält eine Übersicht zu Produktionssystemen und Haltungsformen der Aquakultur von Muscheln. Die Artenseiten auf Aquakulturinfo enthalten weitere Informationen zu Methoden und Produkten.  

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Produktionsschritte und Systeme

Die Aquakultur von Muscheln ist in einzelne Produktionsschritte aufgeteilt: (1) Saatmuschelerzeugung bzw. -gewinnung; (2) Wachstumsphase; (3) Optionale Veredlung; (4) Ernte und Weiterverarbeitung. Jede dieser Phasen kann unterschiedliche Methoden und Arbeitsschritte beinhalten. In Einzelfällen kann es zu Abweichungen von branchenüblichen Methoden kommen. Im Folgenden werden weit verbreitete Produktionsschritte und Methoden beschrieben.

Saatmuschelerzeugung oder Saatmuschelgewinnung

Saatmuscheln stammen entweder aus der Vermehrung von Elterntieren in Brutanstalten (Hatcheries), beispielsweise aus landgestützten Durchfluss- oder Kreislaufanlagen oder aus der natürlichen Vermehrung von Wildtieren. Letztere können durch Saatmuschelfischerei oder durch das Anbieten geeigneter Siedlungsflächen gewonnen werden. Die Muschellarven kommerziell genutzter Arten treiben frei im Wasser und heften sich an ausgebrachte Leinen, Netze, mit Substrat gefüllte Netztaschen oder andere Strukturen an. Während der Fang treibender Muschellarven starken natürlichen Schwankungen unterliegen kann, bietet die gezielte Vermehrung von Elterntieren mehr Unabhängigkeit gegenüber diesen Umweltbedingungen. Aber hier existieren auch Zwischenformen, wie das Vorstrecken natürlich vorkommender Muschellarven in (teil-)geschlossenen Systemen. Diese Systeme vergrößern die Überlebenschance, zumal die Wasserparameter und Fütterung angepasst sowie Räuber ferngehalten werden können. Die Erzeugung in solch technisch aufwendigeren Haltungssystemen über den gesamten Lebenszyklus ist jedoch selten, sodass meist nur die ersten empfindlichen Lebensstadien überbrückt oder erntereife Tiere veredelt werden (s. u. Veredlung).  

Lebenszyklus der Auster

Abbildung: Lebenszyklus und Aquakultur der Auster. 

Wachstumsphase

Die Wachstumsphase der Muscheln findet in der Regel in offenen Systemen in extensiver Haltung statt, entweder direkt auf dem Seegrund (on-bottom) oder im Wasser darüber (off-bottom). Die verschiedenen Methoden unterscheiden sich hinsichtlich des Arbeitsaufwandes und der Produktionskosten zum Teil beträchtlich. In der on-bottom-Kultur werden die Muscheln an geeigneten Standorten in oder vor der Gezeitenzone der Küsten ausgebracht, welche entweder zuvor gereinigt oder durch das Ausbringen von Strukturen vorbereitet wurden. Alternativ können sich die Muscheln auch auf natürlichem Substrat ansiedeln. In bestimmten Abständen werden die Muscheln dann von Sediment, Räubern und Aufwuchs (auch andere Muscheln) befreit oder auch umgesiedelt, wie beispielsweise bei einem hohen Aufkommen von Fraßfeinden oder einer geringen Nahrungsverfügbarkeit. Die Pfahlkultur, auch Bouchots-Methode genannt, ist eine Zwischenform der Muschelhaltung. Hierbei werden mit Seil umwickelte Pfähle senkrecht in der Gezeitenzone im Meeresboden befestigt und die Muscheln daran aktiv oder passiv angesiedelt. 

Pfahlkultur

Abbildung: Pfahlkultur von Muscheln in der Gezeitenzone. Foto: Pixabay

In der off-bottom-Kultur haben die Tiere hingegen keinen Bodenkontakt. Die Muscheln werden auf Seil- und Netzmaterial oder in Körben bzw. Käfigen oder Netzsäcken (sog. Poches) im Wasserkörper kultiviert. Als Haltungsvorrichtungen werden z. B. Tischkulturen verwendet oder die Muscheln werden an horizontal oder vertikal geführten Leinen befestigt, welche wiederum an Bojen oder Flößen vertäut sind. Die Leinen, Netze oder Körbe können entweder direkt senkrecht im Wasser hängen oder zwischen verschiedenen Auftriebskörpern waagerecht verspannt werden. Dies erlaubt eine  Haltung außerhalb der Gezeitenzonen und in tieferen Meeresgebieten. Die Bewirtschaftungsintensität ist jedoch höher. Die Muscheln werden bei Bedarf maschinell oder manuell von Aufwuchs befreit oder umgesiedelt. Konflikte mit anderen Formen der Küstennutzung, wie dem Tourismus, können vermieden werden, der Kontakt mit Fraßfeinden wird ganz oder teilweise eingeschränkt. Strömung, Witterung, sowie die damit zusammenhängende Nahrungsverfügbarkeit und Wasserparameter (Sauerstoff, Temperatur) sind dabei entscheidende Kriterien der Standortwahl. 

Muscheln werden auch in Sonderformen der Aquakultur erzeugt, wie integrierten Produktionssystemen oder Polykulturen. Diese verbinden die Haltung verschiedener Zielarten, wie Fischen, Krebs- und Weichtieren, Algen oder Pflanzen, zur Nutzung anfallender Nährstoffe im Sinne einer Kreislaufwirtschaft. Der grundsätzliche Gedanke integrierter Systeme bzw. Polykulturen ist, Reststoffe bzw. Nebenprodukte einer Produktionseinheit in eine nach- oder parallelgeschaltete Produktionseinheit zu überführen und zu nutzen. Durch Filtration können Muscheln Schwebstoffe aus dem Haltungswasser vorangegangener oder paralleler Produktionsschritte aus dem Wasser entfernen und nutzen. Integrierte Systeme können also verschiedene Produktionssysteme und Haltungsformen kombinieren. Dazu gehören die integrierte multi-trophe Aquakultur (IMTA) und die Aquaponik. 

Veredlung

Bei einigen Muschelkulturen werden erntereife Tiere weiter veredelt. Dies gilt vor allem bei den hochpreisigen Austern (sog. Affinage) als geschmacklicher Feinschliff. Dafür werden die Muscheln vor der Ernte für einige Wochen (in Ausnahmefällen bis zu 8 Monate) in Flussmündungen oder Meeresbuchten gehältert. So erhält die Auster einen angenehmeren oder auch einen unverwechselbaren (mitunter mineralischer) Geschmack. Bekannte Beispiele dafür sind die nach dem gleichnamigen Fluss in der Bretagne (Frankreich) benannte und bekannte Bélon-Auster (nur Europäische Auster) und die Marennes-Oléron-Felsenauster, die in Teichen zusammen mit der Kieselalge Navicula ostrearia gehältert wird. Diese Alge färbt das Fleisch der Austern nach einigen Wochen in das für Marennes-Oléron-Austern charakteristische Grün.

Ernte und Weiterverarbeitung

Die Methoden zur Muschelernte richten sich nach dem Produktionssystem. In on-bottom-Kultur wachsen die Tiere weitestgehend frei auf dem Untergrund. Diese werden mit sogenannten Dredgen abgeerntet. Dredgen sind schwere Metallrahmen mit einem daran befestigten Schleppnetz. Diese werden mit dem Boot über den Meeresboden gezogen und die Muscheln so eingesammelt. In off-bottom-Kulturen erfolgt die Ernte meist ebenfalls vom Boot, kann aber auch bei Ebbe in den Gezeitenzonen anderweitig ablaufen. Die Ernteboote sammeln die Körbe oder Leinenkulturen mit Hilfe von Winden ein. Die Muscheln werden noch auf den Booten oder an Land gereinigt und ggf. weiterverarbeitet. Muscheln werden teilweise lebend verpackt und gehandelt. Zur Vorbereitung für den Versand oder lebenden Weitertransport werden die Muscheln mitunter in sauberem Wasser gehältert oder konditioniert. In der Hälterung reinigen die Muscheln ihren Darm von Sand oder Schlamm. Die Konditionierung hingegen ist eine Besonderheit in der Austernzucht. Die Muscheln werden durch mehrmaliges Trockenlegen darauf trainiert die Schalen beim späteren Versand fest verschlossen zu halten. 

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